Dienstag, 25. Dezember 2012

Kaufsucht - Konsumrausch

von hier:
http://www.psychosoziale-gesundheit.net/seele/kaufrausch.html
http://www.sueddeutsche.de/leben/gesellschaftskrankheit-konsumieren-bis-es-weh-tut-1.595220

und von hier:
Eigene Beobachtungen auf den Einkaufsmeilen der Innenstädte zu Weihnachten. Menschen rennen mit Taschen und Tüten voller Dinge herum, die Gesichter verbissen, der Blick abgewandt, die Schaufenster werden unablässig gescannt, mögliche Anflugkorridore auf Ladentüren berechnet, potentielle Konkurrenten anvisiert und bei Bedarf ausgeknockt, der Weg wird vom Zufall und augenblicklichen Gelüsten gesteuert - ein irrer Taumel von links nach rechts. Niemand braucht das Zeug, was draußen auf den Ständern und Displays hängt, aber es zieht den Blick an und weckt damit Begehrlichkeiten und ein Habenwollen-Gefühl, das zusammen mit dem billigen Preis den letzten Rest von Verstand k.o.schlägt. Darf-kann-muß-soll man dann schon von Kaufsucht sprechen?
Menschen kaufen weit über das für das tägliche Leben erforderliche Maß Dinge, die sie überhaupt nicht brauchen, die auch nicht der Steigerung des sozialen Prestiges dienen (sog. demonstrativer Konsumismus), sondern nur, um den Akt des Kaufens an sich auszuführen und sich von einem Handlungszwang zu befreien. (Die Psychiatrie ordnet dies in eine Reihe mit anderen Zwangsstörungen ein wie Waschzwang usw.)  (eigene Definition)
Ich glaube nicht, daß "Kaufsucht" tatsächlich einen echten Zwang darstellt.
Man mache die Gegenprobe: die Person wird in eine Gegend gebracht, wo es keine Möglichkeit bzw. Notwendigkeit gibt, irgendwas einzukaufen und mit Geld, Karte oder Klicks zu bezahlen und mittels derart erworbener Waren etwas darzustellen. Ebenso gebe man ihr etwas sinnvolles zu tun, eine Aufgabe, für die sie entbrennt, und die sie gut ausführen kann. Ich bin überzeugt, daß sie ihren "Zwang" nicht spüren wird. (damit lehne ich mich weit aus dem Fenster. Bitte erst mal hinnehmen)
Vielmehr könnte es auch so sein, daß kaufsüchtige Menschen alle Verantwortung für ihr Verhalten von sich weisen, nun erst recht, da es sozusagen amtlich sei, daß sie an einer Zwangsstörung litten... und somit fröhlich weitermachen könnten, weil sie sich entschuldigt wähnen.
Kaufsucht scheint mir eine logische Begleiterscheinung unserer auf Konsum ausgerichteten Gesellschaft zu sein, in der jedes Individuum einen Wert hat, der seiner Kaufkraft entspricht, und die einmal erworbenen Dinge einem rapiden Wertverfall, monetär und moralisch, unterliegen. Kaufen als Kompensation für als fehlend wahrgenommene idelle Dinge wie Liebe, Zuwendung, Anerkennung, Erfolg, Bewunderung. Lächerlich erscheint mir deswegen der Ansatz, die Kaufsucht mit Medikamenten therapieren zu wollen.
Vorgeschlagene Therapie der Kaufsucht: Ersatzbeschäftigung wie Sport, telefonieren mit der Freundin soll von der Sucht ablenken.
Wie man die Tatsachen verdrehen kann, ich wundere mich.
Ich sehe das so: Kaufen, Kaufsucht, Zwangskaufen IST die Ersatzhandlung. Es ist keinem geholfen, wenn man dieses soziale Fehlverhalten mit der Bezeichnung Krankheit oder Sucht adelt und ihr eine ICD-Nummer zuweist. (Bis auf vergleichsweise wenige Ausnahmen. Echte Zwangsstörungen sind etwas schreckliches und gehen im allgemeinen nicht mit genügend logischem Denkvermögen wie Planen von Einkäufen, Steigern bei Auktionen usw. einher)
Sie werfen das Geld zum Fenster raus, weil sie den Kick brauchen: Kaufsüchtige können nicht anders, sie müssen shoppen. Fünf bis acht Prozent der Erwachsenen in Deutschland gelten als extrem gefährdet.  (Quelle: Süddeutsche)
Ach was. Sie müssen kaufen? Die Ärmsten... (ich hätte da eine Therapie vorzuschlagen - die hieße Hartz 4. Die zugemessenen Summen liegen ungefähr 20 % unter dem eigentlichen Bedarf, den oder die möchte ich sehen, der/die nach 3 Monaten Hartz 4 noch Shoppingtouren bezahlen kann, ohne zu verhungern. Funktioniert immer.  - das war böse. ich entschuldige mich)
Ich bin der Meinung, daß man immer eine Wahl hat. Man muß sich nicht der Werbung und den Reklamebotschaften ergeben, man hat von der Natur seinen eigenen Kopf bekommen und sollte den auch benutzen. Und nur, weil eine Ware ständig und überall verfügbar ist, gerade online ist das eine große Versuchung, muß man sie deswegen doch nicht kaufen?

Gegenargument: Kaufen ist gut für die Gesellschaft. Kaufen fördert die Innovation, die Vielfalt, die Konkurrenz.
Kaufen fördert das Selbstwertgefühl. Fühlen Sie sich schön, begehrenswert und sexy - mit einer Platin-card. Fühlen Sie sich wie eine Prinzessin/ein Prinz/ein König - lassen Sie sich verwöhnen, genießen Sie, wählen Sie, gestatten Sie sich, gönnen Sie sich.
Wer kann dem schon widerstehen?!

Der Kunde ist König, tönt es von überall her. Sogar kleine Pimpfe mit Scheinen in den verschmierten Händen werden wie Krösus persönlich behandelt, wenn sie was kaufen, und um so mehr, je teurer es ist.
Unfassbar, welches Bild wir damit unseren Kindern vermitteln: du kannst dir alles erlauben - sofern du nur Geld, und zwar genug Geld hast. Erwachsene, auch gutangezogene um 50 Intelligenzpunkte klügere Erwachsene machen sich zum Affen und Clown, wenn du nur mit genügend Scheinchen wedelst. Es ist zum Brechen widerwärtig.

Es ist nicht nur das Kaufen - kaum ein Erwachsener schreitet mehr ein und weist einen Junior wegen Fehlverhaltens zurecht - alle blicken weg, halten den Mund, tun so, als nähmen sie es nicht wahr. Höflichkeit, Rücksichtnahme? Allgmeine ganz einfache Grundlagen der zwischenmenschlichen Kommunikation? Bitte und Danke und Entschuldigung? Fehlanzeige.
Ist ihnen nicht klar, daß genau diese Generation später einmal ihre Rente erwirtschaften soll?! Sie pflegen im Altenheim, ihre Krankheiten behandeln, ihren Müll wegbringen, ihre Nahrung heranschaffen? Wieso sollten  sie - bzw. nur, wenn die Alten auch ja mit genügend Scheinchen winken.
Ich tu was ich kann, sage was, tue was, halte auf, mahne, weise hin und zurecht - und ich bin keine offizielle Autoritätsperson, kein Lehrer, kein Pfarrer, kein sonstwas - nur eine Mutter, die sich große Sorgen macht. Und stehe manchmal allein auf weiter Flur.

Wie das mit Kaufsucht und Konsumrausch zusammenhängt?

Für mich ist es offensichtlich: Kaufen ist eine Ersatzbefriedigung. Die Menschen haben heute über so viele Bereiche ihres Lebens keine Kontrolle mehr, die Befriedigung und der Trost der Religion wurde ihnen genommen, ihre eigene Erziehung war von Laissez-faire und Antiautorität geprägt, sie haben nie ein Vorbild oder Leitbild gehabt.
Von Staats wegen wird ihnen wenig mehr als dies zugestanden: über ihre eigenen niederen Triebe selbst zu entscheiden: Essen und Trinken, Sex, Kaufen. Weil damit Geld verdient wird. Und damit das auch so bleibt, gibt es eine ausgeklügelte Werbung, die genau darauf zugeschnitten ist. Billiger, besser, Schnäppchen, Angebot, Rabatt, Sale, Schlußverkauf, nur heute so billig,... der Rest ist Manipulation, Erzeugung von Angst und Furcht, zu kurz zu kommen. Wahre Selbstbestimmung gibt es nur noch in wenigen Bereichen und für wenige Individuen. Gewählt wird nur, wenn es der herrschenden Klasse paßt - und wir selber dürfen einen weiteren Nagel in den Sarg unserer Selbstbestimmung schlagen. (hier hatte ich mich interessanterweise verschrieben - zuerst stand da Selbstbestummung. Paßt auch ganz gut.)

Aber: Kaufen ist auch ein Statussymbol, ein Zeichen finanzieller Stärke und Potenz, für manche auch ein Muss, damit sie sich ihren Status erhalten (die ewigen neuen Autos jedes Jahr: kauft man in einem Jahr mal keinen Neuwagen, ist gleich von geschäftlichen Schwierigkeiten die Rede), das will und werde ich nicht als Kaufsucht und Konsumrausch bezeichnen. Eher als einen von außen auferlegten Zwang. Auch nicht so gut. Aber eher zu verstehen

Manche bezeichnen sich wollüstig, genüßlich als konsumsüchtig, müssen immer das neueste, das letzte Modell von diesem und jenen haben, das beste, abgefahrenste, aufreizendste, teuerste, größte von irgendwas. Wein für 300 € die Flasche trinken, Schuhe für 500€ das Paar kaufen, Urlaub für 20000 € machen.
Ich frage mich: sind sie damit auch glücklich? Wirklich und wahrhaft glücklich - mit ihrem gekauften Status, ihrem per Platin-card erworbenem Glück, ihrer teuer bezahlten Sonnenseite des Lebens? Oder kompensieren sie damit eine Lücke in ihrem Leben, versuchen ein Loch, wo Glück und Zufriedenheit sein sollten, mit materiellen Gütern und gekaufter Zuwendung zu füllen?  (Und ich frage mich gerade, ob ich nicht ein bißchen neidisch auf Ferrarifahrende, Goldarmbanduhrtragende, Champagnertrinkende, Kaviaressende, Privatjetfliegende, 1ooo-Paar-Schuhe-Besitzende, Privatinselbsitzende Villen- und Finca-Eigentümer bin? Vielleicht ein bißchen. Ungefähr 10 Sekunden lang. Aber - wenn ich all das bekommen könnte, und dafür das hergeben müßte, was mein Leben jetzt wertvoll und lebenswert machte - wäre mir der Preis dafür entschieden zu hoch. ;-) )

Was mich zum Online-Shoppen bringt.
Irgendwann wird ein jeder Online-Shop in seinen AGB, seinem Shop-Banner, an hervorgehobenen Stelle (wie es bei Tabak jetzt schon ist) einen unübersehbaren Hinweis führen müssen, der besagt:
Shoppen gefährdet Ihre seelische Gesundheit. Sie setzen damit sich und Ihre Mitmenschen einer gesundheitlichen Gefährdung aus. Shoppen kann tödlich sein. Shoppen verursacht Einsamkeit, Schulden und Selbstmord. Shoppen zerstört Ihren Seelenfrieden, bringt Angst, Krise und Armut. Shoppen verbessert Ihr Selbstwertgefühl nur vorübergehend. Shoppen ist eine Ersatzbefriedigung. Hören Sie jetzt auf. Kaufen Sie nur, was Sie wirklich brauchen.
Das wäre was  :-) . Träum weiter... viele Grüße, Sathiya

Kommentare:

  1. ... merry Christmas and a bankrupt New Year, heisst das hierzulande ganz trocken!
    Wenigstens sind sie ehrlich - wenn sie schon in m3 spinnen um 'diese' Jahreszeit!
    10 Tage vorher wird bei mir nur noch minimalst und hoechst ungern eingekauft und ansonsten die Tuere verbarrikadiert und das Tel. ignoriert!

    Den Wert des Geldes bekam ich leider sehr frueh ab (ca. 10 J. alt):
    Ohrfeige vom Vater, weil ich 50 DM meiner Oma zurrueckgab, welche ich total ausserhalb jedweden Anlasses in die Hand gedrueckt bekam.
    Auf die irritierte Frage von 'warum' und dann ein ebensolches Danke, fing die Dame dann an ueber meine Mutter (ungeliebte Schwiegertochter) herzuziehen. Da bekam ich dann den Eindruck 'Das war ein Geschaefts-Deal'; ergo reichte ich die 50 DM zurrueck mit der Bemerkung, dass ich mit ihrem 'Deal' nicht einverstanden waere!
    Abends wurde ich dann - logisch - bei meinem Vater verpetzt ...
    SEITHER hat mich noch NIEMAND 'mit Geld koennen'; weder beeindrucken, noch kaufen - das hat man fuer den Fall, dass man es braucht!
    Das Gesicht div.'s Leute war koestlich, als ich vor nunmehr knapp 30 Jahren meinem 'heutigen Ehemann' nach Australien 'nachgelaufen' bin (= auch schon mal Disgust der Familie!!!) und vorher fuer meine Muenchner Wohnung fuer 1 Jahr die Miete im voraus zahlen sollte (weil man meiner Unter-Mieterin nicht vertraute*)
    Ausserdem verlangte die austral. Botschaft ein staendig gueltiges Rueckflug-Ticket fuer mich 'an der Frau'. Selbiges konnte ich GsD abwenden, indem ich denen eine Bankbuergschaft, dass das Geld vorhanden sei, anbot; denn ich kannte die Fa. meines GoeGa: 1 Jahr bestand bei denen gruuundsaetzlich aus mind. 15 Monaten und mein Ticket waere entweder verfallen oder ich haette frueher aus dem Lande muessen wie er.
    Schoenstes Erlebnis war hier in OZ einmal an einer schlichten Supermarkt-Kasse, wo meine CC angeblich abgewiesen wurde von meiner Bank und ich trocken meinte " they wouldn't dare for the next 100 years; try again please!"
    Die Dame an der Kasse war richtig erschrocken ueber meine grimmige und felsenfeste Aussage!
    ... und es ging so weiter im Leben: Geld - sonst keine Sorgen?!

    Mir wird immer fast die Hoelle heiss gemacht, wenn ich mich weigere jedweden 'kommerziellen Anlass per Datum' mitzuspielen; GsD ist GoeGa genauso stur wie ich diesbezueglich!
    Erste Ausnahme: 25 Jahre Hochzeitstag!

    Kopf hoch Sathiya - ab und an werden manche 'dazwischen wach'!
    Nur die Hoffnung nicht aufgeben = 'Das Ding', das das Allerletzte ist, bevor man in den Sarg faellt!!!

    Liebe Gruesse,
    G.


    * Sie verlor auch glatt noch waehrend der 2 Monate unseres gemeinsamen Lebens auf 32 qm ihren gutbezahlten Job, weil ihr Ex sie bei ihrem Arbeitgeber madig machte (= wegen des Ex habe ich sie aber von der Strasse aufgelesen, wo ich sie heulend und verzweifelt kennenlernte; 'Scheusal' himself kannte ich von frueher - war mal in Konkurrenz mit meinem GoeGa und beleidigt, dass er nicht der Erwaehlte war, obwohl sooo viel besser aussehend)
    Die ungeschriebene Abmachung war dann: Halt den Mund, sag Deinen wie meinen Eltern nix und kaempf' um einen neuen Job; ich kann Dich nur ca. 1/2 Jahr stuetzen und mietfrei halten!..



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    1. Sehr interessant. :-)
      Ich hasse diese "Geld regiert die Welt"-Einstellung, selbst wenn es momentan leider die Realität ist. Diese ewige Umrechnen ideeller Werte in Dollar und Euro. Das Gleichsetzen von Liebe, Zuwendung und Trost mit Geldsummen. Oder auch als Garantie für Wohlverhalten (der 50er Deiner Oma als Bezahlung fürs Zuhören, nein!!!).
      Die Australier sind ja auch nicht zimperlich - Rückflugticket (= erweiterte Rückgabeoption) an der Frau. Ich wundere mich über garnichts mehr... :-)

      Mein Kopf ist oben (obwohl Weihnachtsurlaub erst mal verschoben - die Jüngste ist krank, deswegen hab ich immer noch Internet - falls Du Dich schon gewundert hast). Aber danke!
      Liebe Grüße, Sathiya

      PS: der Link von castagir ist genial: eine Futterstelle irgendwo im verschneiten Wald. Ich habe schon Wildschweine beobachtet, Rehe und viele Vögel. Und drei Eichhörnchen. Echt toll!
      http://pontu.eenet.ee/player/siga.html
      Mich würde wirklich interessieren, wo genau diese Webcam steht.

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  2. So, nun habe ich mich anderthalb Stunden (!) in Deinen Blog vertieft, den ich unbedingt lebendig und abwechslungsreich finde. Dein Beitrag über Kauf- und Konsumrausch und-sucht ist besonders gut gelungen nach meinem Geschmack (hab' natürlich bei Weitem nicht alle anderen Beiträge gelesen!) - und ich war nicht das letzte Mal bei Dir auf Besuch.
    Mit herzlichen Grüssen,
    Jan S. Kern

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    1. Das finde ich super! Schön, daß es für Dich interessant war.
      Ich hoffe, es folgen noch viele Besuche und Kommentare - alles Liebe und viele Grüße, Sathiya

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