Sonntag, 26. Mai 2013

Stricken für den guten Zweck?

Stricken für den guten Zweck - oder wie mit und an den Ärmsten noch Geld verdient wird.
Irgendwie habe ich das folgende in den falschen Hals bekommen:

hier gefunden:  http://aktion-freude-schenken.blog.de/2012/06/10/verkaufsausstellung-tag-handarbeit-13837677/  (kein Hyperlink, kursiver Text in blau von da, Unterstreichungen von mir)
...
Selber machen – gemeinsam helfen. Die Initiative Handarbeit und der Bundesverband Deutsche Tafeln setzen sich für ein stärkeres Miteinander ein und riefen alle Kreativen auf, am Tag der Handarbeit 2012 modische Kleidung und Accessoires für den guten Zweck zu stricken und zu nähen.
Parallel dazu gab es eine Präsentation erlesener Modelle aus allen Bereichen der Handarbeitskunst wie z.B. edle Handtücher und Taschentücher mit geklöppelten Spitzen, Overknees für sibirische Kälte, Pullover mit aufwändigem Norwegermuster ...

Im Rahmen dieser Veranstaltung ... eine Auswahl unserer Strick- und Häkelsachen aus leichten Sommergarnen zum Verkauf an. Mit Schals, Dreieckstüchern, Loops und Handytaschen erzielten wir einen ansehnlichen Spendenbetrag für unsere Aktion Freude Schenken zugunsten der Nachbarschaftshilfe.
(Über die genaue Höhe des ansehnlichen Spendenbetrages wird sich ausgeschwiegen. ;-) )

Zum ersten Mal wurde ich vor einigen Jahren auf den "Tag der Handarbeit" aufmerksam, der übrigens zunächst als "Weltstricktag" durch die Presse ging. Es wurde aufgerufen, etwas bestimmtes zu stricken, etwa Babymützchen, um "Leben zu retten". Eigentlich eine schöne Sache.
Seit 2010 ruft die Initiative Handarbeit jedes Jahr Anfang Juni zum Stricken, Häkeln und Nähen auf, um materiell minderversorgten Kindern und Erwachsenen modisch etwas Gutes zu tun - damit sie auch mal was Schickes anzuziehen haben, obwohl sie es sich eigentlich nicht leisten können. Das ist auch prinzipiell eine gute Sache. Die fertigen, von fleißigen DIY-lerinnen gestrickten Accessoires und Kleidungsstücke sollen den örtlichen Tafeln übergeben werden, die dann die weitere kostenlose Verteilung an Bedürftige organisieren. Soweit der Plan.
Die Realität sieht leider nicht so ideal aus.

Mich erinnert diese Aktion fatal an "Schals stricken für Frontsoldaten" und außerdem drängt sich mir ein Gedanke auf: wer genau profitiert davon?
Die teilnehmenden Handarbeitsläden garantiert - ihr Umsatz wird kräftig steigen, da es auch - das habe ich selbst gesehen - sogenannte "Tag der Handarbeit"-Rabatte auf Teile des Sortiments gibt und die guten spendefreudigen Damen dann gern ein Garnknäulchen (für den Eigenbedarf) mehr kaufen, da es ja für den guten Zweck sei.
Die Tafeln - ich möchte nun nichts böses unterstellen, aber - wo ist festgelegt und wie genau wird kontrolliert, daß die gespendeten extra für diesen Zweck angefertigten Stücke tatsächlich den Bedürftigen ausgeteilt werden? - und nicht in einer Boutique oder sonstwo, vielleicht auf Basartischen landen, wo sie später für teures Geld angeboten werden. Ich erinnere an die beliebten Bettelbriefe der Kirchgemeinden für ihr armes darbendes Gemeindeleben, in denen um Sachspenden gebeten wird, weil dringend dieses oder jenes erneuert werden müsse - die man ein paar Wochen später zu unverschämten Preisen auf den Gemeindeverkaufstischen stehen sehen kann. Sollte das hier ähnlich sein - es werden hochwertige Sachspenden eingesammelt, die dann aber nicht kostenlos weitergegeben werden - wie annonciert - sondern verkauft und vom Erlös billige Sachen eingekauft, die dann kostenlos verteilt werden, dann bin ich wieder einmal um eine Illusion ärmer.

Eine Bekannte mußte bei "Stricken für den guten Zweck" eine unangenehmere Erfahrung machen: sie hatte ein schickes Schal-Mützen-Set gestrickt und gespendet. Voller Ideale und Freude und in echter Geberlaune. Nun war sie neugierig, wann sie ihr Set wohl auf Kopf und Hals eines glücklichen Mädchens wiedersehen würde. Sie wollte dem Ganzen noch eine Extra-Spende folgen lassen und vielleicht auch nähere Bekanntschaft knüpfen. Nun - wo fand sie ihr Set wieder? Auf der Verkaufsplattform mit den 4 Buchstaben, und zwar noch vor Beginn der offiziellen Austeilung an Bedürftige durch die Tafeln. Daß sie ziemlich enttäuscht war, kann man sich unschwer vorstellen. 
Ein bedauerlicher Einzelfall?

Wem nützt es - eine wirklich nützliche Frage, wenn man sich die Hintergründe solcher Aktionen anschaut.
Stricken für den guten Zweck - gut für die Handarbeitsindustrie, die Gutmenschen und ihr Gewissen, das Image der DIY-Szene, die Presse - und irgendwie hoffentlich auch für die Bedürftigen, die ja als Sinn und Zweck dieser Aktion genannt werden.
(Im Übrigen kann es sehr wohl vorkommen, ist geradezu zu erwarten, daß viele der gespendeten Sachen auf Auktionsseiten wieder auftauchen, da die Leute nun mal dringender Geld als eine modische Mütze brauchen. Aber bitte doch erst nach der offiziellen Verteilung.)

Ich stricke nicht für den "guten Zweck". Wer möchte, kann dies gern tun. Aber ich empfehle vorher, sich mal zu den Ausgabestellen der Tafeln zu begeben und dem Ganzen eine Zeitlang zuzusehen. Von kostenloser Verteilung kann keine Rede sein - es wird immer ein sogenannter "symbolischer Betrag" erhoben, der leider für viele der sich dort Anstellenden nicht erschwinglich ist.

Beste Wünsche, Sathiya

Kommentare:

  1. Ach Sathiya, Sandkasten und vorher Schokolade gefaellig?!

    LG, G.
    mit Riesen-Seufzer

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Ja. :-)
      Und ich setze noch ein Schulterzucken drauf.
      Aber wenigstens einer MUSS sich das doch fragen...

      Lg, Sathiya

      Löschen
  2. ... Du bist aber nicht die Einzige und darum geht sowas 'unerhoertes' schon Jaaahre 'unGEhoert' an ein paar Leuten vorbei; denn verbieten ist legal nicht moeglich!
    Du bist allerdings diejenige, welche es - wie sich das ab und an gehoert - einfach auch wieder mal in Erinnerug bringt.
    (Auch wenn aufgrund selbstgemachter 'neuer schlechter Vorfaelle')
    Sorry, Sweet - war nicht boes gemeint; setze Dir mind. 1 Pfund Smileys Deiner Wahl hierher - wusste selbst nur nicht, welche passen koennten.

    LG, G.

    Du bist schon i.O. mit Deinen 'Stocher-Touren'; C. hat da schon Recht!

    AntwortenLöschen
    Antworten
    1. Die meisten teilnehmenden Damen finden nicht mal was dabei, da mitzumachen.
      Da es ja so schön anonym ist, und man auf die Art bestens sein Gewissen beruhigen kann.
      Dieselbe Bekannte, von der ich schrieb, hat es nun anders gelöst: sie geht in persona zu den Ausgabestellen und spricht die Menschen gezielt an, mit Augenmerk auf Kinder. Wobei das auch nicht ganz einfach ist. Manche Menschen der ärmeren Sorte haben sich angewöhnt, unglaubliche Ansprüche zu haben und Forderungen zu stellen, und werden geradezu unverschämt. Naja. Ein ewiges Thema, mit dem man sich ganz wunderbar tagelang im Kreis drehen könnte.

      BTW: hat sich eigentlich schon mal jemand gefragt, warum ausgerechnet im Hochsommer die Leute (selbst wenn es schlecht ernährte Sozial'ler sind), Mütze, Schal und Handschuhe brauchen können sollen? Ich habe gestern drei Damen sich darüber unterhalten hören - die die Aktion ganz offen zum Anlaß nahmen, für sich selbst reduziertes Garn zu kaufen und aus den unansehnlichen Resten, die jede noch zuhause hatte, Sozialmützen zu stricken. Sie fragten sich das auch, und beruhigten sich damit, daß ja die Tafeln Lagerkapazitäten haben (haben sie nur eingeschränkt, aber das ist ein anderes Thema), und somit die Sachen bis zum Winter aufbewahren könnten. Ist das so?!

      Ich stochere nicht gern in solchen Themen rum, das kannst Du mir glauben.
      Aber das ewige Wegsehen, sich Probleme schönreden, ignorieren, die eigenen Schäfchen ins Trockenen bringen und 'Nach uns die Sintflut'-Benehmen geht mir auf die Nerven.

      Weil es zum Thema paßt, irgendwie jedenfalls:
      Herr Waldmann. Hat jetzt einen rostigen Supermarkttrolley als neuen Besitz, bis zum Rand gefüllt mit Besitztümern. Er scheint nicht so recht glücklich damit, kommt er doch mit dem Wagen nicht mehr hoch in den Wald, das geben die Waldwege nicht her. Und nun? Ist er ein clochard geworden, nur ohne Brücke, dafür standesgemäß mit Trolley... wenigstens kann er nun ab und zu eine Pfeife rauchen.
      Merke: ein Waldmann braucht keine modische mit Pailletten neckisch bestickte Häkelmütze in angesagten Trendfarben. Sondern viel eher einen Platz, wo er seine Sachen lassen kann, wo er sich pflegen und ausruhen kann, wo er seine Würde wiederfinden kann. Einen Platz im Leben.


      Ich nehme nichts persönlich, das weißt Du doch. Von Dir schon mal gar nicht. :-)) die Smileys nehme ich trotzdem. :-)))))

      Lg, Sathiya

      Löschen
  3. iiijjjaa - manche Multi-Task-Sachen funktionieren eben doch nicht so gut und dann faellt 'denken' schon mal hinten vom 'Wagen' herunter! Passiert mir auch ab und an - sorry.
    Dummstdenken/Nichtdenken meinerseit kuerzlich, z.B. Fan von europaeischen, herbstfaerbenden Baeumen/Blaettern sein und dann folgendes vergessen: Wenn ein Riiiesenpark hier auf dem Berg im ganzen Land dafuer beruehmt und beliebt ist und auch die entsprechende betroffene 'Haupt-Nation' sich hierzu von weiiiit des Landes trifft zum Hanami-Festival, so sollte eigentlich klar sein, dass genau diese Baeume im Herbst dann mind. ebenso gut fuer ein 'Herbst-Festival' waeren = right?
    Yea, verweihmuetzt - tuto kompletto: stand wie vom Donner geruehrt vor dem Meer von buntbelaubten Kirschbaeumen, als dann 'nur zur Alternative und versehentlich' wegen 'immmmer toller Weitsicht von Aussicht' dorthin gegangen.
    Ich glaube, manchmal wird man 'etwas betriebsblind'; wie z.B.: wenn man einen Fehler in einem Brief mehrmals korrigiert und dann fehlerhafte 'Fliesstechnik' uebersieht oder gar einen neuen Fehler im alten korrigiertem Fehler.

    Die Welt schreit ja auch nach 'gruener sein' - so lange sie nicht bei sich selbst anfangen muessen bzw. selbst definieren/entscheiden koennen, WAS das aus deren Sicht 'nur' sein darf, weil dann angenehmer zu machen.

    LG, G.

    AntwortenLöschen
  4. Hi, also solche Aktionen sind durchaus kritisch zu sehen. Gibt Alternativen. Jede Bahnhofsmission z.B. freut sich zu Beginn der kälteren Jahreszeit über Mützen und Schals. Ich stricke jedes Jahr einige Mützer für ein Obdachlosenheim in der Nähe meiner Arbeitsstätte. Die gebe ich da persönlich ab und für die Leute dort ist es besonders schön etwas neues zu bekommen und sind manchmal ganz gerührt das es handgemacht ist. Die Mützen dürfen natürlich nicht in Modefarben sein, es sind überwiegend ältere Männer die auf der Straße nicht auffallen möchten, also nehme ich grau oder braun dafür. Aber fällt mir nicht leicht dort hinzugehen und Kontakt zu machen.
    Viele Grüße, Gertrud

    AntwortenLöschen