Mittwoch, 9. Januar 2013

Zehn kleine Negerlein...

inspiriert von hier:
http://schreibkraftfmr.com/2013/01/08/wohin-mit-den-negerkindern/  (kein Hyperlink)

Ein richtig guter Text über Wortkosmetik, political correctness, gender und "wir wollen nur das beste für unsere Kinder".
Ein Autor spricht über die Probleme, mißliebige und überholte Worte aus Kinderbüchern herauszunehmen und durch unverfängliche und modernere zu ersetzen. Tun wir unseren Kindern damit wirklich einen Gefallen?

Aktuell die Diskussion um den berühmten Negerkönig (die ebenso berühmte Pippi Langstrumpf ist bekanntermaßen seine Tochter), der seiner Ethnie verlustig ging und nun unter Südseekönig firmiert. Eine Beförderung? - Nun geht es auch den Negerlein in Ottfried Preußlers "Kleiner Hexe" an den Kragen.
Ich weiß echt nicht, ob ich weinen oder lachen soll, oder in hilfloses Schimpfen ausbrechen. So ein hirnrissiger Murks!! Fassungslos bin ich. Zensur ist das, reinste Zensur.

Das rote Tuch für mich aus dem Artikel: Ganz nebenbei wird herausgestellt, ganz subtil, daß Preussler natürlich kein Rassist gewesen sei, daß der Ausdruck Neger zu seiner Zeit neutral besetzt war, und daß er nichts dafür könne - aber zwischen den Zeilen wird  ihm genau das vorgeworfen und er deswegen verdammt - zur Änderung, auf eigenen Wunsch. Sollte man als Autor nicht zustimmen, na, dann hätte man ja gezeigt, wo man stünde, und zwar genau. Ganz subtil und unmerklich. Und alle sonstigen anwesenden Autoren sollen sich daran ein Beispiel nehmen.

So krass ist es im Artikel bei weitem nicht ausgedrückt, der Autor befaßt sich im Gegenteil erstaunlich langmütig und großherzig mit diesem Problem, bewundernswert, ich habe lediglich mein Gefühl in Worte gefaßt, was mich bei der Lektüre erfaßt hatte. Ich wünschte, ich könnte mich irgendwann auch so gefaßt, geradezu vornehm, ruhig und logisch über ein Thema äußern, das mich aufregt. ;-)

Weil es so schön war - hier mein Kommentar von dort dazu. Ich wollte einen neuen Text schreiben, aber was neues/anderes hätte der auch nicht angeboten. Also, Energie gespart. :-))

Danke für den guten Text zum Thema. Es ist wirklich schwierig, sehr schwierig, und als Autor und Verlag sitzt man zwischen allen Stühlen. Ich wünsche gute Nerven, und daß soviel des Richtigen getan wird, wie möglich.
Ich (2 Kinder, 23 und 8 Jahre) stolpere schon seit einiger Zeit darüber, daß ich moderne Kinderbücher nicht mehr mag. Inhalt, Schreibstil, Thematik. Hexe Lilli, z.B., politisch korrekt, aber sterbenslangweilig, mit fragwürdiger Moral. Lilli belügt ihre Eltern und ihren kleinen Bruder, um selbstsüchtig ihrem Ego zu folgen - Abenteuer quer durch die Welt und die Zeit. Drache Kokosnuss und Co., genau dasselbe. Kleine Egomonster werden da herangezüchtet.
Negerkönig sagen darf man nicht, aber die Mutter zu belügen ist in Ordnung. Ich erinnere mich, einmal genau anders herum erzogen worden zu sein.

Ich frage mich, ziemlich besorgt, wann es soweit ist, daß die Kinder von heute die Klassiker, bei Goethe und Schiller angefangen, nicht mehr verstehen können. Wann die Antiquariate nur noch Altpapiersammelstellen sind, weil keiner mehr den Text versteht, die Worte versteht, den Sinn versteht. Weil alles glattgebügelt wurde, nur weil irgendwelche Leute über irgendwelche Begriffe die Nase rümpfen. Das muß doch nicht sein? Unsere Sprache ist so reich - lassen wir sie so. Lebendig, mit Worten, die eines, was anderes und noch was drittes bedeuten - und mit Worten, die zu zehnen doch dasselbe meinen.
Wenn alle Stolpersteine entfernt werden - auch aus der Sprache - wie soll ein Kind dann lernen, sie zu erkennen oder ihnen auszuweichen? Oder sie selbst nach eigener Erfahrung zu gewichten? Ein Verlag hat eine große Verantwortung - auch in dieser Hinsicht, meine ich. Das geschriebene Wort hat eine sehr große Macht.
Anpassung der Begriffe finde ich überflüssig. Viel wichtiger ist es meines Erachtens, sich als Eltern mit der Lektüre des Kindes auseinanderzusetzen, gemeinsam zu lesen und bei Verständnisschwierigkeiten Hilfestellung zu geben. Dabei gibt es gleich eine Geschichtsstunde über die Entstehung des Begriffes. Beipielsweise beim Ausdruck "Wichsen", was heutzutage ja vorwiegend negativ-obszön besetzt ist. ;-)  kennt eigentlich noch eines der Jugendlichen die eigentliche Bedeutung, obwohl sie es ständig im Munde führen? Das wage ich zu bezweifeln. Daran sind leider unter anderem solche Glattbügeleien schuld, ebenso wie eine gewisse Verarmung der Sprache, neben dem Bedeutungswandel. Heute sagt man ja Schuhcreme und nicht mehr Stiefelwichse.

Ich habe eine ganz alte Ausgabe von Onkel Toms Hütte, seit meinem achten Lebensjahr. Frau Schröder würde in Ohnmacht fallen - soviele Neger kommen darin vor, die auch noch so genannt werden. Wie will man denn das politisch korrekt umlektorieren, ohne daß der gesamte Sinn verloren geht?! ;-)

Und was machen wir mit den Zehn kleinen Negerlein? Singen wir jetzt Zehn kleine Südseekönige?

Ratlose Grüße, Sathiya

Ergänzung: Noch ein sehr guter Kommentar zum Thema. Der Link ist zwar im oben angegebener Adresse eingeschlossen, aber falls es jemand übersehen hat - hier:
http://www.boersenblatt.net/584313/?t=newsletter  (kein Hyperlink)

Kommentare:

  1. Na ja, auch wenn ich immer boshaft diejenige bin, welche bei der Frage "sex" immer boshaft "yes, please 3 times per day" dazu schreibt* (= von 'Aushalten' dieser Menge null Spur :-o & ;-) ).

    So faellt das fuer mich auch - wieder - unter: damit man ja keine Fehler macht, stirbt man vermutlich vor Angst irgendwann frueher als noetig.
    Mag ich 'Weisser' genannt werden? Bin ich 'weiss - mein T-Shirt vielleicht!
    Schierer Wahnwitz heutzutage; vermutlich vor Faulheit sich notfalls zu entschuldigen, WENN sich ein Einzel-Exemplar aufregt.

    Bestes Beispiel noch immer ein Aborigine-Youngster hier, welcher einen den Arztberuf ergriffenen aelteren Aborigine beim 'Dorf-check-up' vor der Haustuere vorfand und zur Mutter ins Haus schrie: 'mom, the black white fella is here!"
    Black stand fuer: 'unsere Klasse'
    white stand fuer: 'die andere Klasse'

    * einmal wurde ein entsprechend beantworteter Fragebogen 'in ca. gemeinsam mit mir selbst' dem entsprechenden bearbeitendem maennlichen Personal vorgelegt und er meinte - ohne mich vorher angesehen zu haben "we call this 'male', mate!"
    Guckt dann doch einmal hoch und .... fiel fast unter den Tisch :-D

    Wir 'Roemer' spinnen einfach!

    LG, Gerlinde




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    1. Genau, die spinnen, die Römer...
      Diese bemühte Gleichmacherei, dieses Glätten und mit Macht aufs selbe Niveau gestutzte, das graue Einerlei. Orwells 1984 läßt grüßen, diesmal allerdings mit sehr viel Gutmenschentum garniert und legitimiert. Motto: "Wir haben ja so recht - weil wir eben recht haben".
      Ich frage mich, was künftige Generationen darüber denken und wie sie es beurteilen. Oder wie sie mühsam die Originalfassungen zusammensuchen und rekonstruieren.
      Das ist eine bedenkliche Entwicklung, eine besorgniserregende, auch weil sie gerade von den Müttern, die ihren Kindern vorlesen, unterstützt, für gut befunden und gefordert wird (wie man den Kommentaren entnehmen kann). Ich finde das erschreckend.
      Mütter, die kein Problem damit haben, in Anwesenheit ihrer Kinder zu rauchen oder Kraftausdrücke zu gebrauchen, finden ihre Empfindsamkeit verletzt, wenn sie ein böses Wort wie Neger vorlesen müssen?! Scheinheilige, das.

      Mir gefällt "black white fellow". COOL!!! :-)))

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