Samstag, 22. Juni 2013

Hochbegabung und Talent

Denkanstoß von hier: http://castagiro.wordpress.com/2013/06/21/tag-17812/ (kein Hyperlink, Text bissig und unglücklicherweise schonungslos wahr)

und hier: http://www.dghk.de/hochbegabung (kein Hyperlink)

Als meine Jüngste geboren wurde, habe ich versucht, eine Mutter wie alle anderen zu sein: Krabbelgruppe, tiefsinnige Diskussionen über frühkindliche Förderung, Windel-Discount-Angeboten austauschen, wetteifern wessen Kind am frühesten laufen, Mama sagen und selbständig essen kann, welche Mutter am schnellsten wieder in Größe 36 paßt, wer nach der Schwangerschaft am ehesten wieder Sex hat, wessen große Kinder wie hochbegabt seien, und wessen Kleinkinder potentiell ebenfalls und welchen Streß frau damit hätte usw. Müttertratsch eben. Ich muß sagen - ich habe das nicht ausgehalten. Dreimal insgesamt war ich zu Treffen verschiedenster Art und verschiedensten Publikums, und es ging nicht an mich.

Wenn das die Umgebung ist, in der potentiell Hochbegabte heranwachsen, dann gute Nacht. Am meisten stört mich, daß dieselben Mütter, die ihre Kinder ganz zweifelsohne als hochbegabt diagnostizieren, weil es manchmal auffällige Verhaltensweisen zeige (er/sie will nicht immer das essen, was ich ihm/ihr gebe, und schmeißt es in der Küche herum - er/sie MUSS hochbegabt sein, das steht so im Internet!!), selbst einen durchschnittlichen Intelligenztest nicht mal mit durchschnittlichem Ergebnis bestehen würden.

Das bringt mich zu der These: wenn alles glattgebügelt, nivelliert ist, auf gleicher niedriger Stufe, dann fällt jeder Ausreißer sofort auf, und sei er noch so klein. Hochbegabung als winzige Welle auf einem ansonsten stillen unbewegt daliegenden See.
Ich sehe Hochbegabung eher als Monsterwelle in einem aufgewühlten Meer voller unterschiedlich hoher Wellen. Dieses Bild verdeutlicht für mich am ehesten die Verteilung, Ausprägung und Wichtigkeit der Hochbegabung unter den Menschen. Einschließlich der Auswirkungen.

Ob meine Kinder hochbegabt sind, im Sinne der Gesellschaft für Hochbegabte oder der Mensa? Sicher nicht. Ich bin es selbst nicht (ein Glück, das hätte mir gerade noch gefehlt).

Ich möchte damit nicht sagen, daß es generell keine Hochbegabten gäbe. Die gibt es, ohne Zweifel, und sie sollen jede Förderung und Hilfe bekommen, die unsere Gesellschaft und Ausbildungssystem anzubieten haben. Aber wirklich nur diese.
Es müßte eigentlich viel besser und genauer differenziert werden, was genau hochbegabt bedeutet, nicht nur intellektuell gesehen. Die Definition krankt meiner Meinung nach daran, daß ein übermäßig hoher Wert auf den formal geschulten Intellekt gelegt wird, daß extrem viel Augenmerk auf mathematisch-logische und Gedächtnis-Fähigkeiten und gelegt wird, ohne tatsächliche Leistungen der Intelligenz zu berücksichtigen, wie z.B. aus gegebenen bekannten Dingen etwas völlig neuartiges zu entwickeln, und Begabungen für musische, künstlerische Fähigkeiten gehen darin etwas unter.
Das ist überhaupt die Frage, die sich mir stellt: wo bleiben dabei die eher musisch oder sprachlich Talentierten und Begabten? Außen vor? Oder zählt da nach wie vor das Wunderkindprinzip - mit drei Jahren lesen und schreiben zu können, mit fünf Jahren Klavier zu spielen und selbst zu komponieren?

Noch mal zur Hochbegabung: irgendwie scheint der Begriff sich auch dadurch auszuzeichnen, daß diese "Hochbegabung" immer nur als potentielle Energie angesehen wird. Begabt zu sein heißt noch lange nicht, daß die zweifellos vorhandenen potentiellen Fähigkeiten auch angewandt und ausgereizt werden. Und geht es auch einher mit der entsprechenden physischen und emotionalen Entwicklung? Ich glaube, nur selten bis kaum.

Einer meiner Schulkameraden, hochbegabt wie kein zweiter auf dem Gebiet der Mathematik, Eltern, Onkel und Tanten, Schwester alle Mathematiker, Professoren und Dozenten, glänzte damit, nicht nur Lösungen direkt aus dem Gedächtnis zu präsentieren, nein, er verwandte seine ganze Gehirnleistung dafür, neue und bisher unbekannte Lösungswege zu finden. Und scheiterte am ganz gewöhnlichen Leben - per Sturz aus 100 Meter Höhe.

Dazu fällt mir noch ein Witz ein: wieviele Mathematiker braucht man, um eine Glühbirne auszuwechseln?!  :-)

Zum Abschluß etwas wichtiges: die sogenannte Hochbegabung bezieht sich auf unser heutiges Schul- und Ausbildungssystem, sowohl von der Definition als auch der Diagnose her. Ich bezweifle ganz ganz stark, daß auch nur ein relevanter Prozentsatz derer, die als hochbegabt gelten, ohne das entsprechende System von sich aus auch nur lesen oder schreiben lernen würden - wie ein Großteil der uns heute bekannten Größen aus Wissenschaft und Kunst, die sich ihr Wissen und Können zum Teil auch als Autodidakten angeeignet haben.
 Eine beeindruckende Liste von Autodidakten: https://de.wikipedia.org/wiki/Autodidakt , davon mich besonders beeindruckend : George Boole, auf dessen Arbeiten unter anderem unsere heutigen Programme und Programmiertechniken beruhen.

Nachdenklich, Sathiya

schon  in der Wiege  http://www.smilies-paradies.de/smileys/babies/animierte-smilies-babies-076.gif   hochbegabt?  (smilies von hier: www.smilies-paradies.de)

Kommentare:

  1. Ach Sathihya, Du hast nur noch nicht gemerkt, wiiiie hochbegabt ich bin (sonst wuerdest Du nicht diese Zweifel in den Post stellen):
    Hoechstbegabung in 'fauler Hund' sein und mir darum vieles mehrfach vorher zu ueberlegen, wie es

    a) vielleicht einfacher geht
    b) ganz zu vermeiden oder zu umgehen ist
    c) ich wenigstens mehr per 'einmal Haende dreckig machen' heraus kriege

    ;-)

    Meine Loesung zum Gluehbirnen-Raetsel: soz. einen 'dreiviertelten' (sprich: wenn er wenigstens einen Arm mit Hand drann hat = probatum est Familie!
    Ansonsten kann das sogar ich VT - ohne Math.-Degree! ;-)

    LG, G.
    (neugierig auf offizielle Loesung)

    Ansonsten: Definition von 'hochbegabt' wirklich nicht einfach - seufz!

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    1. Ich weiß ziemlich genau, wer wie wieviel begabt oder hochbegabt ist. Viele sind ja anscheinend fürs Nichtstun hochbegabt... das ganze Land ist voll davon. :-)
      Was Du da beschreibst, nennt sich eher Bauernschläue als Hochbegabung, bzw. wird von denen, die sich für hochbegabt halten, so tituliert. *schulterzucken* Aber alle zusammen können keinen einfachen Pudding nach Packungsanleitung kochen. *lach*

      Eine korrekte Lösung gibt es nicht für die Witzfrage, ich habe sie aus einem Film importiert (IQ - Liebe ist relativ), wo geantwortet wurde, sinngemäß, fünf, wovon vier über das Problem debattieren und der fünfte den Hausmeister ruft. Oder die Tochter, die Mathematikerin ist, kommt und wechselt die Glühbirne. So genau weiß ich es nicht mehr. Bin weder hochbegabt noch Gedächtniskünstler. ;-)

      Lg, Sathiya

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  2. Keinen *g

    Mathematiker können keine Glühbirnen wechseln. Und sie haben dafür einen hieb- und stichfesten Beweis vorgelegt.

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    1. Genau.
      Deinen Beweis möchte ich allerdings dennoch sehen. Bitte. ;-)
      Grüße, Sathiya

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    2. Ich bin mit 220V quer durch die Bude geflogen, und habe mich nass gemacht. Daraufhin musste ich alle Fotos davon vernichten ;)

      Somit muss ich umschwenken: Man braucht drei von ihnen.

      Einer muss die Existenz des Problems herleiten.
      Der zweite muss die Eindeutigkeit davon prüfen.
      Der dritte stellt die Anfangsbedingung her, indem er die Glühbirne kaputt macht.

      Und für den Rest holt man einen Elektriker ;)


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    3. Hättest Du mal lieber erst den Elektriker geholt. Wolltest Du den Beweis für mich im Bild festhalten? Oder hast Du mit frischgeduschten Fingern in die Steckdose gefaßt?! Ich hätte es auch so geglaubt... ;-) :-D

      Aha, also drei. Genau so tun sie´s... *g*
      Die Existenz des Problems herleiten anstatt es einfach zu akzeptieren, sowas kann nur einem Mathematiker einfallen. Die Lampe ist kaputt und basta, gibt kein Licht mehr bzw. meinetwegen auch: emittiert keine Photonen... Und welcher von ihnen ruft den Elektriker?

      Bring Dich nicht um, okay, bitte?! *ggg* Sathiya

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    4. Wir akzeptieren grundsätzlich nix. Denn es könnte schließlich sein, dass Dunkelheit der allgemeingültige und bereits bewiesene Fall ist, und wir mit der Arbeit fertig sind, weil die Lösung im Bronstein/Semendjajew steht.

      Und von Photonen haben wir keine Ahnung - das sind die Psychopathen von der physikalischen Da-Vinci-Fakultät nebenan, die unsere Cordhosen und Pullunder mit V-Ausschnitt auftragen ;-)

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    5. Ihr armen Mathematiker. Ich könnte ja auch sagen - um eine Glühbirne auszuwechseln, kann man soviele Mathematiker anstellen, wie man will, und es passiert - nichts (außer obigen castagirschen Bemerkungen und Klugsch--ereien). Jedenfalls solange nicht, bis eine Mathematikerin kommt und es einfach erledigt. Gender matters, ganz klar. :-))

      Mathematiker könnten auch einfach die Glühlampe als "nicht defekt" definieren und die Problemlösung auf später vertagen, und ab sofort ihre Gleichungen bei Kerzenlicht notieren, während sie sich absolut sicher sind, daß es eine Lösung gibt (sprich daß irgendwann schon irgendeiner kommen wird, um die Glühbirne auszutauschen).

      Geht´s Dir wieder besser, oder waren das noch die Nachwirkungen des Stromstoßes? ;-)

      Liebe Grüße, Sathiya

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  3. Schliesse mich Sathiya an - wenn auch stuermischer: pass bitte gefaelligst besser auf Dich auf, will you, please ?!

    Ausserdem, bezueglich 'hochbegabt': DAS (gewohnliche Lebenstuechtigkeit fehlend) ist Gang und Gaebe unter diesem Mob.

    a) ich glaube, bei 'Albertchen' (Einstein) musste man die Haustuere seines Reihenhauses einst rot anstreichen, damit er heim fand
    b) mein real life fraenkisches werdendes 'Albertchen'* (sie sind KsD und GsD ab-so-lut NICHT alle so, wie meine 'Baustelle' behauptet, dass 'Franke' in generell waere = 3 Kreuzzeichen drueber!!!) hat mir das vor knapp 2 Jahren aber auch schon einmal gesagt, als ich ihn als zu babysittenden Studenten-Gast hier einmal salopp fragte, ob er denn mit der heimatlichen Geldzuweisung auskaeme oder ich ihm beim 'Betteln' helfen solle: "Hmm, Du hast da den wunden Punkt erwischt, G., nur weil Menschen ein math. geladenes Studienfach gewaehlt haben und auch gut darin sind, heisst das wirklich noch nicht, dass wir auch gut mit Geld umgehen koennen."
    Troestete ihn, dass er bei DIESEM seinem Wissen schon besser drann waere als gar manche Anderen!
    Hat er bewiesen; Super-Kerl!

    LG, G.




    * guckte mich immer aus luftiger Hoehe von 2 m liebevoll an und grinste immer was von "muss Dich meiner Mutter vorstellen; Deine und ihre 'Eloquenz' zusammen waeren koestlich!" Stimmt :-D !
    Allerdings war er selbst fuer einen Mann; viiiiel juenger noch dazu - auch nicht schlecht. DIES scheinen aber aaalle 'Franken' irgendwie im Blut zu haben - zumindest 'meine' ! ;-)

    Mein Hausmeister hat mir dieses Phaenomen einst wie folgt erklaert als ich mich wunderte, wie und warum manche Parties sooo unterschiedlich waeren, auch wenn fast dieselben Teilnehmer anwesend:
    G., Du kannst damit rechnen, dass da ein Riiiiesen-Unterschied sein wird, wenn mehr Bier oder eher Wein ausgeschenkt wird.
    Nicht umsonst gibt es die Ausdruecke 'Bier-duempfelig' und 'wein-seelig' ! ;-)
    Meine Beobachtungen haben das zwar auch bestaettigt - wenn auch nur im Zusammenhang mit Party-Gelagen als wirklich negativ empfunden!





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