Sonntag, 7. Oktober 2012

Über den Umgang miteinander

Wieviel Wahrheit und Ehrlichkeit braucht der Mensch?
Besser gesagt: die Menschenfrau, westlicher Erziehung, wohlgenährt, Abitur- oder Studium-gebildet, im Beruf mittel bis gering gefordert, mit 1 bis 4 Kindern, mit zuviel Freizeit und zuviel Geld.

In den letzten Tage wehte ein scharfer Wind durch die Blogs, speziell die Mutti- und Strickblogs.
Frau fühlte sich auf den Schlips, pardon die Schluppe, getreten, durch unsensible Bemerkungen über ihre Häkel- und Nähkünste, ihre Hüftform oder ihre Größe. Es wurde Höflichkeit eingefordert und ein neues Bloggerinnen-Menschenrecht definiert, bei Zuwiderhandlung mit Liebesentzug, Entzug der Kommentarprivilegien bzw. Sperrung mißliebiger Personen gedroht.
Es wurde ein "Manifest" etabliert,worüber ich mich nicht mehr äußern möchte. Alles, was ich zu sagen hätte, würde als grob unhöflich aufgefaßt.
Es haben sich ganz klar die einen von den anderen geschieden - eine klassische Entmischung in Öl- und Wasserphase. 

Und ich hatte noch gesagt, ich würde nichts mehr darüber schreiben... so kann frau sich irren. *grimmig-guck-Ikon*
Ergänzung: Ich entschuldige mich an diese Stelle für den rauhen Ton, der die nächsten Zeilen beherrscht. Wer zur Zeit in empfindlicher Stimmung ist, sollte besser nicht weiterlesen, und wenn doch, auf eigene Gefahr. Ansonsten gilt, was immer gilt: eine eigene Meinung bilden. 

Was ist Wahrheit und Ehrlichkeit? Ist das überhaupt vereinbar mit Höflichkeit?
Ist Höflichkeit nicht eigentlich wohldosierte und sorgsam komponierte Unehrlichkeit bzw. drastisch ausgedrückt: Lüge?

Einige Beispiele:
Die Begrüßungsfloskel "Guten Morgen, wie geht es Ihnen?"  heißt weder, daß dem Gegenüber ein guter Morgen gewünscht wird, noch daß sich im Ernst dafür interessiert wird, welchen Befindens der Angesprochene ist. Die Antwort (höflich): "Danke, gut. Und Ihnen?" Drei Lügen in vier Wörtern. Die Antwort darauf will schon keiner mehr hören, weder der Angesprochene noch der Sprecher.
Aber es ist höflich. Begrüßungsritual. Manche benutzen diese auch als Eröffnungszug einer Klagerede.

Floskeln und ihre Übersetzung
Oh, wie toll du wieder aussiehst.   Das ist nicht dein Ernst. Das sieht zum Ko... aus
Warst du beim Friseur?    Mensch sag schon wo, damit ich einen großen Bogen drumrum machen kann. Und es sieht SCH... aus.
Hast du abgenommen?   Aha, endlich den XXL-Laden gefunden. Oder: weichklopfen für die nächste Stunden Jammern oder irgendeinen Gefallen.
So ein schönes Outfit, wo hast du das gekauft?   Nur, damit ich da NIE hingehe.
Was für wohlerzogene Kinder.   Blagen, nervige. Gott sei dank sind das nicht meine.
Ein Superlippenstift!    Pink. Pink, Baby. Hast du auch wirklich in den richtigen Spiegel gesehen?
Nein, ist das ein süßes Baby!   Boah, ist das häßlich. Also, eigentlich sind ja alle Babies süß, aber das...
O, ich beneide dich.   *hämisch*
Das ist super geworden.   NAJA. Setzen, Sechs. Kannst du immer noch der Schwiegermutter schenken.

Außerdem gibt es Fragen, auf die es keine Antwort gibt noch geben kann, weder höfliche noch unhöfliche, pardon ehrliche. Beispiele:
Findest du, daß ich abgenommen habe? (Die richtige Antwort darauf lautet: sich taubstellen.)
Hab ich zugenommen? (Dieselbe Antwort. :-)  )
Steht mir das rote Kleid? (Antwort wie gehabt)
Soll ich lieber die blauen oder die grauen Schuhe nehmen? (...)
Ich war heute beim Friseur. Hat 3 Stunden gedauert und 120€ gekostet. Wie sehe ich aus? (Als Mann: jetzt BLOSS nichts sagen. Besser SOFORT das Auto waschen gehen. Oder einen Diamantring von mindestens 12 Karat besorgen. Als Frau: begeistert fragen, ob sie abgenommen hätte)

Jeder Mann wird mir vermutlich begeistert zustimmen, jede Frau mich als Nestbeschmutzerin und antifeminin beschimpfen. Sei´s drum. Ich bin eine Frau, aber ich bin kein dummes kopfloses Huhn, daß sich von jedem Buh erschrecken läßt oder anfängt zu heulen, wenn sie auf ein paar Reservekilos aufmerksam gemacht wird, egal wie unverblümt. Na und? :-)))))))))))))))))

Aber das war wirklich mein letztes Wort dazu. Howgh, ich habe gesprochen.  
*mit einem Zwinkern und Schulterzucken*  Sathiya

PS: Ein "Kommentaromat" wie auf Wordpress wäre was, einfach yes oder no drücken und gut ist... ja,, ich weiß, bei Blogger gibt es das auch - aber dieser Blog hier weigert sich, das anzunehmen. ich habe keine Ahnung wieso. Und ja, ich weiß, wo ich das einstellen kann, bei meinen anderen Blogs funktioniert es ja auch ganz prächtig. Nur dieser hier will nicht. Grmpf.


Edit: 7.10. abends
Ein wunderbare deutliche und doch sanfte Kritik am Manifest.
So hätte ich es auch formulieren sollen, wenn ich es gekonnt hätte. 
Text von hier   http://www.michou-loves-vintage.de/wordpress/?p=5315, Kommentar von arielle

Liebe Blog­ge­rinnen,

kann ein Kommentar unge­fragt sein, wenn es die Kommen­tar­funktion in einem Blog gibt?

Jede, die ihre Werke öffentlich zeigt, sich öffentlich zeigt, macht sich sichbar, ist damit aber auch Teil eines Diskurse, ob der sich jetzt auf dem Blog oder nur im Kopf der Leser abspielt.

Ich lese seit einiger Zeit einige Blogs still mit und lese natürlich auch die kleinen oder größeren Zanke­reien, die, nach meinem unmaß­geb­lichen Eindruck, auf klas­sische Kommu­ni­ka­ti­ons­fehler zurück geführt werden können. Da liest jemand nicht ganz genau, jemand ist viel­leicht nicht in der Mutter­sprache der anderen heimisch, jemand kommt aus einer anderen Kultur, in der es gerade unter­stützend ist, wenn ganz offen über Dinge gesprochen wird, die nicht so rund sind, in der die Mühe des Feed­backs eine große Aner­kennung bedeutet.

Auch über diese Sätze bin ich gestolpert:
"Ein Kommentar, der unge­fragt und unhöflich abge­geben wird. Der klein macht, der traurig macht, der unsicher macht. Immer und immer wieder. Der uns zweifeln lässt: an dem Selbst­ge­machten, an unserem Spie­gelbild, an unseren Talenten. Der manchmal ins Schwarze trifft. Oft aber daneben."

Ein Kommentar kann niemals klein machen, niemals traurig, unsicher, zwei­felnd. Niemals.

Wie die selige Eleanor Roosevelt sagte "No one can make you feel inferior without your consent."

Ich bewundere Euren Willen, Eure Entscheidung, Euch öffentlich darzu­stellen. Ich wünsche Euch die Kraft und die Gelas­senheit, die es dafür sicher auch braucht. Meines Erachtens liegt gerade in der Oppo­sition der anderen die Chance, sich zu finden… Liebe Grüße, a.

Kommentare:

  1. Also, wenn ich das lese, frage ich mich, ob ich nur so naiv bin oder die Welt doch ein bisschen besser ist als oben dargestellt. Bis jetzt bin ich nämlich ganz gut damit gefahren, meinem Gegenüber nicht prinzipiell bei jedem Kompliment oder jeder netten Frage Gemeinheit zu unterstellen. Und da ich kein heuriger Hase mehr bin, belasse ich es auch in Zukunft dabei.

    Natürlich sind Floskeln Lügen. Gewissermaßen. Oder auch nicht. Denn eigentlich sind sie vor allem Worthülsen, eine kleine Partitur mit verteilten und allseits bekannten Rollen, um den Gesprächseinstieg zu erleichtern. Kleine Vereinfachungen der Alltagskommunikaiton.

    Und warum sollten nette Worte nicht auch nett gemeint sein? Wenn ich jemanden mag - wenn er/sie mich überhaupt irgendwie interessiert - gibt es doch auf jeden Fall etwas, das mir an ihm/ihr gefällt. Das eignet sich immer für ehrliche Anerkennung. Über alles andere kann ich dann auch hinweg sehen, ohne mich zu verbiegen. Ansonsten bleibt der Kontakt eh aufs Nötigste begrenzt. Außerdem schreibt mir ja keiner vor, wovon ich begeistert sein soll, und auch nicht, dass ich jedes einzelne Mal, wenn ich jemanden treffe, Lobesarien singen müsste.

    Welchen Grund hätte ich also, mir ausgerechnet die (von mir so empfundenen) Schattenseiten einer Person herauszupicken und darüber Begeisterung zu heucheln? Es sei denn, ich würde gefragt ... da kann es kritisch werden, das ist dann bisweilen ein diplomatischer Eiertanz. Wieviel Ehrlichkeit verträgt die Person, und mit welchen Worten, ist sie wirklich so kritikbereit, wie sie behauptet? Da kann man sich schon mal verschätzen. Alles schon vorgekommen ...

    Langer Rede, kurzer Sinn: "So ein schönes Outfit!" nehme ich wörtlich, zumindest wenn ich nicht handfeste Anhaltspunkte für eine heuchlerische Gesinnung meines Gegenübers habe. Damit geht es mir gut, damit geht es ihm/ihr gut, und aller Wahrscheinlichkeit hat er/sie es auch genauso gemeint. Selbst wenn er/sie über meine Frisur oder Figur vornehm den Mantel des Schweigens breitet.

    Viele Grüße
    Ursula

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    1. Hallo Ursula,
      danke für Deine Stellungnahme. (Ehrlich und ernst gemeint, nicht sarkastisch. O nein, wird das nun etwa wegen dieses Posts zu einem Bumerang?!)
      Ja, der Text ist leider etwas heftig geworden... das sei mir bitte nachgesehen, weil ich mich wirklich ernstlich geärgert habe.
      Deswegen die leichte Übertreibung.
      Ich sage ja eigentlich auch immer das, was ich denke, ohne in Höflichkeitsfloskeln zu schwelgen oder mir Umschreibungen für "das gefällt mir nicht" auszudenken...
      Danke nochmals für die offenen Worte, das weiß ich zu schätzen. Kann man/frau daran doch den Klang und die Wirkung der eigenen Meinung überprüfen. Und das ist gut!

      Liebe Grüße, Sathiya

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  2. Ach ja, und um nicht missverstanden zu werden. Das war jetzt eine direkte Antwort auf diesen Artikel und sollte keine implizite Kritik an Kommentaren ohne rosa Häkelborte sein. In diesem Sinne sehe ich einen Blog mit offenen Kommentaren als Angebot zum Gespräch, zur Diskussion und somit auch als Frage. Darauf mag jede/r auf seine Weise eingehen.

    Viele Grüße
    Ursula

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