Sonntag, 17. Februar 2013

Der Mann im Wald

Wir sind heute spazierengegangen, durch den Wald auf den Hausberg Wiesbadens, den Neroberg. Eine schöne, wegen des nassen Bodens ziemlich rutschige Kraxelei. Der Wald sieht schön aus, licht, ein alter Buchenbestand mit prachtvollen Bäumen. Im Wald stehen verteilt Schutzhütten - eine Art überdachte Veranda mit einer Rückwand, offenen Seitenwänden und einer Bank, meist an Stellen mit schöner Aussicht oder sonstwie herausgehoben. Eine schöne Sache! Während eines Ausfluges oder Spazierganges kann man sich darin niederlassen und vespern oder einen Regenguß abwarten oder die Aussicht genießen.

Oder man wohnt darin.

Heute sind wir an einer Schutzhütte vorbeigekommen, in der ich schon öfter einen Mann habe sitzen oder schlafen sehen. Ich kenne diesen Mann, er kommt ab und zu abends in der Dunkelheit in die Stadt, um im Supermarkt seine kleinen Besorgungen zu machen. Er ist in eine Decke gehüllt, hat langes graues Haar und Bart, das im Haargestrüpp sichtbare Gesicht ist müde, verhärmt, hungrig, die Augen blaß, meist abgewandt. Außer in seine Decke ist er noch in eine Wolke von Gestank gehüllt. Im Wald kommt er nicht allzu oft dazu sich zu waschen, vor allem nicht im Winter.

Ich habe schon mehrmals versucht, ihm zu helfen, etwas anzubieten, aber er hat immer so getan, als ob ich Luft sei. Vielleicht habe ich auch nicht die richtigen Worte gefunden. Doch welches wären die richtigen Worte? Welche Worte würde ich in einer vergleichbaren Situtation hören wollen und wahrnehmen können?

Heute aber habe ich mich gefürchtet.
An der Hütte vorbeigehend, sahen wir ein Bündel da hocken, daneben eine Tüte mit Besitztümern, aber kein Lebenszeichen. Ich dachte erst, okay, er hat seine Sachen in der Hütte gelassen und läuft irgendwo herum. Dann überlegte ich, daß genau das nicht sein könne, denn es gibt Leute, die sich nicht scheuen, auch von den Ärmsten der Ärmsten zu stehlen, aus reinem Übermut (bestenfalls) oder reinster Bosheit (eher die Regel). Er mußte also dort sein, in unmittelbarer Nähe seines Eigentums. Nur, da war nur dieses Bündel, das mit einem Menschen wirklich nicht viel Ähnlichkeit hatte.

Meine Jüngste hatte Angst, sie flehte mich an, weiterzugehen, ohne genauer nachzusehen, und es auf sich beruhen zu lassen. Ich hatte auch Angst. Ich hatte große Angst, das reglose Bündel auf der Bank sei ein toter Mann... es gingen unterdessen mehrere Spaziergänger vorbei, die alle keinen oder allenfalls einen flüchtigen Blick in die Hütte warfen, und ich stand einfach nur da und war unschlüssig.
Dafür schäme ich mich. Ich schäme mich für mein Zögern, als ob das Bündel in der Hütte kein Mensch sei, und kein Recht darauf hätte, als Mitmensch wahrgenommen zu werden.

Ich ging näher und entschied, ja, das IST ein Mensch, eingewickelt in eine große Decke, mit Mütze auf dem Kopf und Plastikclogs an den Füßen, der mit tief auf die Brust gesunkenem Kopf schlief. Sein Rücken hob und senkte sich kaum merklich, was mich sehr erleichterte, wirklich. Saß da im Wald und schlief... bei 3°C, mitten im Wald, kein Segeltuch als Windschutz, kein Feuer, nur die Rückwand der Hütte und eine Bank.

Zu meiner Schande muß ich gestehen, daß ich nachdem ich mich über seine Lebendigkeit vergewissert hatte, meine Jüngste an die Hand nahm und fortging. Ich hatte nicht den Nerv, zu ihm zu treten, ihn zu wecken und ihn zu fragen, ob und wie ich ihm helfen könne. Ich hätte ihm auch nicht wirklich helfen können, glaube ich,  ich hätte nicht gewußt, wie. Eine Unterkunft zu besorgen steht nicht in meiner Macht, und einen wildfremden Menschen zu mir und meinen Kindern mit nachhause zu nehmen, würde ich mir für den absoluten Notfall aufsparen, einen Schneesturm zum Beispiel.
Ich gehe morgen hin und spreche ihn an. Niemand muß im Wald in einer nach drei Seiten offenen Hütte hausen, ohne Windschutz, Feuer und Licht. Niemand.

Uns geht es viel zu gut. Und gleichzeitig sind wir Menschen, die ihren Nächsten schon längst nicht mehr lieben wie sich selbst. Ich wünschte mir, daß wir viel mehr Zivilcourage hätten und Nächstenliebe lebten anstatt nur fürs Rote Kreuz zu spenden. Davon bekommt leider der Mann im Wald keine Decke, keine Wärme  und kein Essen. Jemand muß es ihm bringen. Oder ihn dahin führen, wo er es warm hat, ohne Angst vor Dieben schlafen kann und zu essen bekommt.

Erschüttert, Sathiya

PS: Ich kann nicht alle retten und als barmherziger Samariter von der Straße auflesen, das ist mir vollkommen klar. Das wird auch kein vernünftiger Mensch von mir erwarten. Aber ich kann ihm helfen, dem einen einsamen Mann im Wald.

Kommentare:

  1. Sathiya, go ahead, please!

    Du hast - trotz allem, was Deine eigene Sit. vielleicht auch nicht rosig macht - noch mehr als er; versuche was Du vermeinst meistern zu koennen
    und mit einem gewissen Mass an Vorsicht fuer Dich und Dignity fuer ihn.

    Ich muss ganz ehrlich sein: ich bin damit bis dato noch niiiie auf die Nase gefallen. Allerdings musste ich mich immmmer erst gegen meine eigenen Mitmenschen - gleichen Niveaus - rechtfertigen/verteidigen!
    Ueblicherweise kommt 'Echo' von gaaanz anderer Seite!

    LG, G.

    PS: musste am WE lachen, weil Hubby 'Einkaufen' gelernt hat. Dazu gehoerte u.a. eine Hand voll 1 - 2 $ Muenzen sowie 'Trolley-Tokens' der gaengigen SuMa's.
    ... und wie's ihn 'hatte', als er einer jungen Mutter mit Kind den Einkaufswagen nicht 'abkaufte' um selbigen aufzuraeumen!
    (KsD, geht das 'Zusammenputzen' bei uns in einer ueblicherweise doch sehr 'spy-proof' Sprache und solange man ein hoefliches Gesicht dazu macht, ahnt niemand, dass es, aeh, 'nicht positiv' war ;-) )
    ... und der langbeinige junge Afrikaner, welcher eigentlich wirklich einmal samt Klamotten unter die NaeMa gehoerte, welcher niiie etwas annimmt. ABER: er ist sehr hilfsbereit, wenn man in Eile ist und ihn bittet, doch bitte den Einkaufswagen aufzuraeumen (und den Muenzaustausch vergisst! ;-) ! )
    Du koenntest demnaechst in Urlaub gehen; nicht alles puenktlich aufessen koennen .... ;-) !
    Haushaltsaufloesung haben und ihn fragen, ob er vielleicht Interesse ... bevor Du's angeblich wegwirfst ... ;-)

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    1. Ich versuche mein Bestes. Im Umschreiben und Notlügen bin ich nicht so gut, vor allem kann ich es nicht glaubhaft rüberbringen. Ich versuche es aber.
      Danke für die Ratschläge und das Mutmachen.
      Sathiya

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  2. Noch eine brauchbare Idee:


    Bitte besorge ihm eine der sog. 'Erste Hilfe Alu-Decken' - egal wie flimsig (bei uns gibt's die fuer ein Spotgeld); ich kann Dir auch sofort welche schicken von hier!
    Mach das Ding dann auf, zerknautsche die Verpackung ordentlich, fuelle 'Decke' zurueck hinein und behaupte, dass Du Dein Auto verkauft hast und darum auch keinen Bedarf mehr dafuer siehst.
    Versuch' ihn einfach mal mit ein paar mildtaetigen Luegen (da meist wirklich sehr sensibel !!!) durch den Restwinter zu kriegen; der Sommer ist dann etwas leichter fuer ihn und evtl. auch eine neue Chance fuer ihn.
    Ich helf' Dir! ... wenn ich schon mal eine 'Zweite Dusslige' gefunden habe ... ;-) ;-)

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  3. Ach ja und stell die Kleine - wenn sie denn schon dabei sein muss - etwas abseits: sie kann - mM - in diesem Alter noch nicht 'verschiedene mitunter doch noetige Luegen des Lebens' unterscheiden; d.h., lass' sie selbige gar nicht erst hoeren! ;-) (es sei denn, Du hast seeehr viiiiel Zeit zum Erklaeren ;-) )

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    1. Sie muß da leider durch - Lügen kann ich wirklich nicht gut, deswegen gibt es fast immer die Wahrheit, oder ich schweige. Und die nötige Zeit nehme ich mir, das ist sie mir wert.

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  4. Persönliche Hilfe ist eine Sache die man nicht hoch genug schätzen kann. Andererseits haben wir ein soziales Netz, was auch immer man von ihm halten mag.

    An Deiner Stelle würde ich aber den örtlichen Sozialdienst informieren, zur Not musst Du Dich bei der Stadtverwaltung durchfragen. Die kennen die notwendigen oder möglichen Massnahmen um ggf. zielgerichtet helfen zu können, sofern er das möchte.

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    1. Danke für Deine unterstützenden Worte.

      Ich habe das größte Problem damit, daß ich nicht weiß, was er möchte. Er verweigert eine Kommunikation durch Abwenden, Umdrehen, Augenschließen... so kann ich ihn nicht mal fragen. Selbst wenn ich den Mut dazu aufbrächte. *schief grinst*

      Aber - alles wird gut! Irgendwie jedenfalls...
      Sathiya

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  5. @ Castagiro

    "... sofern er das moechte "

    Genau 'DAS' ist fuer manche das Problem!
    Ausserdem 'schlagen' sie (mit Worten und Taten; darum wirklich Vorsicht) mitunter derart um sich rum .... das ist schlimmer als jeder Behinderte, dem man nur ganz kurz mit einem einfachen und voruebergehendem Handgriff helfen will.
    Hinterher ihm die Behoerden 'schmackhaft' machen ist noch immer schwierig genug.
    Was mich stutzig macht, dass er sich im 'Wald' aufhaelt; meist bevorzugen solche Menschen ja doch eher a) Abwaerme kreierende Stadt b) 'brauchbaren Abfall' produzierende Stadt (auch wenn sie selbst meist von 'Normalen' auch als Abfall angesehen werden).

    Ich muss ehrlich sagen, bis dass ich an solche Leute ueberhaupt HERAN darf/komme, hilft meist wirklich nur, aeh, 'Wahrheit etwas verbiegen'. Lassen sie einem einmal in ihre nunmal nur als einziges verbliebenes hoechstes Gut 'Vertrauen und Privat-Sphaere' heisst's natuerlich reumuetig beichten und erklaeren.
    Es ist nicht einfach; aber das wissen wir auch schon von 'gesunden Normalen', oder? ;-)

    LG, G.

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    1. ... und gerade eben weil man nicht weiß und nur vermutet ist es wichtig nicht zu üben, sondern Profis das tun zu lassen für das sie ausgebildet und bezahlt werden. Gut gemeint ist oft der kleine nervige Bruder von gut gemacht.

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  6. Ich sehe, DU warst 'DA' noch nicht ?!

    Meiner Meinung nach ist aaaller Seiten Einsatz noetig: betroffene Person, 'Helfer' und Behoerde. Letztere gehoert - leider - auch oefter als oft derart 'kontrolliert' .... weil in ihrem 'Fachwissen von haben wir eh jeden Tag' mitunter ohne jegliches menschliche Gefuehl aber viiiel eiskalter 'Automatik' DERart ueber die Straenge schlagend ....

    Jetzt geh, verdammt noch mal beim Blog 'aufeinander zu' zu meinem Kommentar zum 'Baeren-Hug-Video' - vielleicht verstehst Du (und jemand anderer derzeit eher wild nach mir Schlagender) etwas mehr ueber mich und vor allem, warum ich mich - trotz seeeehr viel Unbil hier noch wohler fuehle als ....
    Bitte/danke!

    Ich hatte hier waehrend Renovier-Arbeiten eines Tages ein 'kleines Problem': No. 8 ging nicht wie erwartet ans Telefon. (d.h. ich kam meist leicht spaeter als er in der Huette an; wenn's 'mehr spaeter' wurde, meldete ich das, weil er mich ja in seine Arbeiten oefter als oft als Handlanger einplanen konnte/musste.) DUUHU, mir wurde seeehr heiss und kalt, schwang mich blitzschnell ins Auto und fuhr Richtung Baustelle; challengte etliche Ampeln (mit zahlbarem ERfolg spaeter ;-) !) und fuhr sogar 'Nase front' voran den Berg hinauf, was ich eigentlich niiiie tue, wenn Gegend/Terrain mir bekannt.
    Vor der Huette angekommen, flog die Autotuere auf und ..... da stand er! Auf dem Balkon; mich verwirrt anguckend; sich wundernd ueber mein 'blasses Schweigen' und 'wie ich aussah'!
    ER drehte sich um und gings ins Haus - ich folgte kurz hinterher. Im Haus traf ich ihn mit dem Tel.-Hoerer in der Hand und verlegen laechelnd "sorry, it obviously jumped off the hook, whilst I was working a tad to temperamental close by!"
    DAS war ein Vater von zwei kleinen Toechtern (... und nein, wir hatten wirklich KEIN Verhaeltnis - auch wenn wir tausendmal eines selbigen verdaechtigt wurden!)

    Manche 'Sachen' kriegt man nicht aus seinem Charakter heraus; da muss man damit leben und wenn's einem oefter als oft verdammt viel Schmerz bringt. Ich kann's nur abschwaechen, aber es ist da, es bleibt, es wird vermutlich mit mir einst sterben!
    (ansonsten hat die Welt ein nicht gerade 'kleines Problem' ;-) !)
    Sathiya scheint ziemlich aehnlich gelagert zu sein; Sie wird Ihre Entscheidung in der Angelegenheit Ihrem eigenen Charakter anpassen - MUESSEN! Allerdings empfehle auch ich ihr: eigene Familie vor 'Diese Tat' und seeehr gut wissen, WO und WIE die eigenen psychischen Tanks wieder aufzufuellen sind!

    Sorry, mate: DEINE 'Nervige'




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  7. PS: Sathiya, Du weisst wo Du mich findest!
    Castagir: ich geh' jetzt 'Keller' - geniesse!

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