Freitag, 19. April 2013

Was genau ist Kreativität?

inspiriert von hier:  http://www.crafteln.de/2013/04/brauchen-wir-kreativitat.html
(kein Hyperlink, grüner Text von da)
"Dieses Mal geht es um K R E A T i V i T Ä T und mein wachsendes Unbehagen an ihr. Bei aller Liebe wird sie mir nämlich langsam suspekt. Mitschuld daran tragen vor allem zwei Bücher: Die Erfindung der Kreativität von Matthias Reckwitz und Don´t do it yourself von Lisa Anne Auerbach. Beide Autor/innen setzen sich – aus verschiedenen Richtungen kommend – mit den gegenwärtigen Phänomenen der Kreativität auseinander und kommen zu einem Schluss: Kreativität als Idee für ein selbstbestimmtes, schöpferisches Leben und Gegenmodell zur Konsumgesellschaft sei gescheitert. Eine These, die mich als 'Kreativitätsgläubige' ziemlich verunsichert und die ich darum hier zur Diskussion stellen möchte. "
(Zitat aus dem Beitrag von Frau Mima "Don't do it yourself - oder das Unbehagen an der Kreativität)


aus Wikipedia die Definition:   http://de.wikipedia.org/wiki/Kreativit%C3%A4t
(subjektiv ausgewählte Punkte, violette Texte von da)
  • Problemsensitivität (erkennen, dass und wo ein Problem besteht)
  • Flüssigkeit (in kurzer Zeit viele Ideen hervorbringen)
  • Flexibilität (gewohnte Wege des Denkens verlassen; neue Sichtweisen entwickeln)
  • Redefinition (bekannte Objekte neu verwenden, improvisieren)
  • Elaboration (anpassen der Ideen an Realität)
  • Originalität
... McKinnon definierte Kreativität als eine Idee, die neu ist und gleichzeitig selten von mehreren Menschen gedacht wird, die jedoch dennoch zu verwirklichen ist und der Verbesserung oder der Veränderung dient

Goethe: ... wie Kreativität aus ständiger Selbstüberwindung und -erneuerung erwächst.

1. Seit Ende der 90er Jahre wird auch der Begriff Kultur- oder Kreativwirtschaft verwandt, um alle Aktivitäten zur Herstellung und zum Vertrieb von urheberrechtlich geschützten Produkten zu beschreiben, die dem Ziel dienen, Geld zu verdienen. Heute gibt es in Europa eine Vielzahl von Ansätzen, wie man Kreativität als Wirtschaftstätigkeit verstehen und interpretieren kann.

2. ...  im kreativen Schaffensprozess oft ein besonderer Bewusstseinszustand – eine Art Trance – auf, der als Flow (Fließen) bezeichnet wird und meist mit einem vorübergehenden Verlust des Zeitbewusstseins einhergeht. Dieser Zustand ist zugleich konzentriert und dissoziativ. Kreative Prozesse können auch im Schlaf oder Halbschlaf ablaufen.

3. Die nordamerikanischen Kreativitätsforscher Sternberg und Lubart (2006) beschreiben in ihrer Investmenttheorie der Kreativität eine spezifische Erfolgsintelligenz. Einer guten Idee folgt die Überzeugung der Umwelt vom Wert dieser Idee; es entsteht eine Nachfrage, die den Wert der Idee steigert. So müssen kreative Personen hohe Problemsensibilität und einen guten Sinn für Themenwahl haben.

Es gibt eine neue Diskussion über "Kreativität" in den Näh- und DIY-Blogs. Frau fühlt sich in die Defensive gedrängt und sich gezwungen, ihr Nähen und Selbermachen zu verteidigen, vor allem und zuerst gegen die Leute, die der Kreativität eine fortgeschrittene Morbidität bescheinigen und sogar deren Scheitern attestieren. Und diese Attest dazu benutzen, um fürderhin hemmungslos dem Konsum zu frönen, ganz ohne schlechtes Gewissen, weil das Scheitern sozusagen amtlich ist.
Ich dachte zunächst auch "was ein Schmarrn" und wollte genervt wegblättern, aber dann fiel zufällig mein Blick auf mein Blogprofil, und da stand es: "Kreative und Lebenskünstlerin". Geht mich also doch was an. Leider.
Ich stelle dazu (zum Thema und allen Blogbeiträgen und Kommentaren, die ich gelesen habe) fest: es gibt keinen Konsens darüber, was den Begriff "Kreativität" eigentlich ausmacht, was es genau bedeutet, es fehlt eine einheitliche Definition.
Ist mit "Kreativität" die aktuelle Trend-Mode des Konsumverweigerungs-DIY und der Bastel- und Kreativsets gemeint, bin ich ohne Einschränkung der Meinung der oben genannten Buchautoren, die meinen:
Kreativität als Idee für ein selbstbestimmtes, schöpferisches Leben und Gegenmodell zur Konsumgesellschaft sei gescheitert.
Ich verwundere mich auch ziemlich über den Ausdruck, mit dem sich die oben grün zitierte Autorin belegt: als "Kreativitätsgläubige". Habe ich was verpaßt? Hat sich, als ich gerade nicht hinsah, eine neue Religion etabliert? Ein neuer Gott installiert? Oder ist das einen neue Art von New-Age-Sinnfindung? Wahrscheinlich etwas von allem... Garniert mit einem ordentlichen Schuß Bashing in Richtung derer, die nicht denselben Kreativitäts- und DIY-Stallgeruch haben.
Meine eigene Defintion: (künstlerisch) kreativ ist jemand, der aus dem Nichts etwas schafft. Oder etwas Vorhandes so verändert, daß daraus etwas völlig Neues, Einzigartiges, Überraschendes, Erstaunliches, und idealerweise auch noch Nützliches wird. Ohne Anleitung, ohne Vorlagen, ohne vorgefertigtes Design. Nur die eigene Idee zählt, und deren Umsetzung in eigener Person. Mit allen Phasen des Schöpfertums: Vorbereitungsphase, Inkubations- bzw. Reifungsphase, Einsicht bzw. Aha-Erlebnis, Bewertung, Ausarbeitung. DAS ist es.
Wie mir eben auffällt, gilt das für nahezu alle Bereiche, nicht nur fürs Künstlerische. Mein AHA-Erlebnis, sozusagen. ;-)

Erstaunlicherweise kam die Neuropsychologie zu folgendem Ergebnis: daß ...die (künstlerische) Kreativität eines Menschen nicht mit seinem IQ korreliert.
Die künstlerisch und erfinderisch kreativste Phase erleben die meisten Menschen in ihrer Kindheit, bevor sie ihnen von den Konventionen, Langeweile, kopflosem Konsum, zu lernendem Schulstoff, vorgefertigten Denkschablonen und der von der Gesellschaft geforderten Konformität verleidet wird - und sie sie sich mühsam wieder aneignen müssen. Manche schaffen es nie und greifen in ihrer Not auf Kreativ-Krücken in Form von fertigen "Kreativ"-Sets zurück... oder arbeiten als Berufbeamte und Politiker. ;-))

Und ich werde meine eigene Profilbeschreibung überarbeiten - das Wort "Kreative" scheint mir die Tage doch zu negativ besetzt zu sein - vielleicht nenne ich mich nun Künstlerin und Kunsthandwerkerin. Oder ich lasse es ganz weg. Mal sehen. Bis auf weiteres.

Enjoy life - and do it yourself! Greetings, Sathiya



Ergänzung 21.4.
in Antwort auf diesenKommentar bei Frau Mima  (Link siehe oben, blauer Text von da):
Danke fürs Vorstellen der Bücher - das Thema scheint einen Nerv zu treffen, und mir war nicht klar, dass anscheinend viele Selbermacherinnen diesen Konsumaspekt der DIY-Bewegung gar nicht reflektieren. Ich beobachte das schon lange, wie das Selbermachen durch die Wirtschaft aufgegriffen wird, wie in den Blogs Trends und Moden gemacht werden, die es einige Zeit später als Bausatz im Bastelladen gibt, und noch einige Zeit später fertig bei Tchibo - Made in China. Viele DIY- und Einrichtungsblogger sind ja selbst längst ein Teil dieser Industrie, wobei dort dieses "ich könnte, wenn ich wollte", wie es oben formuliert wurde, noch als besonders wirkungsvolles Versprechen auftritt: wenn Blogger etwas zeigen, gilt das gleich als viel authentischer als ein Artikel in einer Wohnzeitschrift, es ist an den Lesern (scheinbar) näher dran. Deshalb ja auch die gute werbewirkung von Blogs, und deshalb wollen die Firmen unbedingt rein in die Blogs und von dieser Authentizität eine Scheibe abhaben.

Radikal formuliert würde ich sagen: es ist ganz logisch, denn in einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung wird jeder Aspekt, der sich für eine profitable wirtschaftliche Verwertung eignet, vom Markt erfasst. Wenn DIY gut läuft, dann werden solche Dinge angeboten, und da "Kreativität" tatsächlich so ein Schlagwort unserer Zeit ist, ist das Versprechen der Kreativität tatsächlich ein gutes Verkaufsargument. Der ursprüngliche Impetus der DIY-Bewegung aus dem Geist des Punk, Dinge selbst zu machen, um sich selbst zu ermächtigen, selbst zu gestalten, und nicht das von anderen Vorgegebene zu akzeptieren, und die damit verbundene Konsumkritik, wird damit natürlich ad absurdum geführt. Aber so läuft Kapitalismus.

Dennoch gibt es ja auch im Netz durchaus Selbermachseiten und -Blogs, in denen es nicht einfach nur um Konsum geht. Für mich ist Selbermachen (auch wenn ich für Kleidung meistens neue Stoffe verwende) trotz allem ein Stück Freiraum und Selbstverwirklichung und ich bin froh darüber, dass ich einen Teil der Textilherstellung einfach nicht mehr durch Konsum unterstütze. Per Saldo bedeutet das für mich tatsächlich insgesamt weniger Konsum als früher (allerdings auch eine finanzielle Frage im Moment - ich weiß nicht, ob das noch genauso wäre, hätte ich mehr Geld zur Verfügung).

Auf jeden Fall eine wichtige Debatte,
L***
Sathiya: Ich glaube, die echten Handwerker müssen sich um ihre Existenz keine Sorgen machen, denn die werden meines Erachtens vom DIY nicht ernsthaft bedroht - wohl aber die Fertig- und Konfektionsindustrie.
Ansonsten ein guter Post mit guten und richtigen Überlegungen.
Meine Einstellung: es ist ein Glück, Dinge selbst zu machen und genau deswegen tue ich es. Ich liebe es, neues zu lernen, und dieses mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln umzusetzen (also so gut wie keine Extra-Einkäufe, um meine DIY-Sucht zu befriedigen).
Ich sehe momentan das moderne DIY ähnlich gelagert wie eine Sucht, es ist zu einer Art Konsum- und Kaufrausch mutiert, immer mehr, und immer noch was, nur das neue zählt, weg mit dem alten.
Ein Auswuchs des Kapitalismus? Eine logische Folge desselben - über Statusdenken, Konsumzwang, Übersättigung, Konsumverweigerung, neue Wege des Konsumierens erfinden... eigentlich eine reife kreative Leistung. ;-)
Ich versuche mich dem weitgehend zu entziehen - Selbstmachen oder DIY ist für mich seit über 25 Jahren mit Glück und Unabhängigkeit verbunden. Ich fühle keinen besonderen Zwang, mich im Web zu präsentieren. Wenn ich etwas besonders gelungenes präsentieren will, dann tu ich das, wenn nicht, habe ich kein Problem damit, es für mich zu behalten.
Ich bin gespannt auf den Fortgang der Diskussion.
Lg, Sathiya

und ein weiterer Kommentar, der es noch besser auf den Punkt bringt - soziologisch und gesellschaftsdynamisch gesehen. (Text vom obigen Link)
Das Thema beschäftigt mich schon lange und ich gebe Reckwitz und Auerbach in gewisser Weise recht, behaupte aber, dass Kreativität nie als Gegenkozept zu oder Ausstiegsszenario aus einer ausufernden Konsumgesellschaft gedacht war. Im Gegenteil: sie wurde von ihr dazu hochstilisiert, um die (Konsum-)Schäfchen weiterhin bei der Stange zu halten.
Tatsächlich scheinen mir die Thesen von R. und A. nicht falsch, aber zu kurz gegriffen: Kreativität in ihrer ursprünglichen Bedeutung ist ein schöpferische Auseinandersetzung mit der Umwelt und umfasst nicht nur Künste, sondern auch Erfindungsgeist und Philosophie. Schon Urzeitmenschen haben Energien, die nicht für Nahrungssuche oder Überlebenskampf gebraucht wurden, in Schöpferisches kanalisiert. Kreativität wohnt der Menschheit seit Anbeginn inne; umgekehrt ist aber nicht jedes menschliche Individuum von Natur aus kreativ.
Der zweite Aspekt, der aus meiner Sicht untrennbar mit dieser Thematik verbunden ist, bezieht sich auf das Thema Arbeit. Erst in jüngster Menschheitsgeschichte mit dem Protestantismus und in weiterer Folge mit der Industrialisierung wurde Freizeit, die Basis und Grundvoraussetzung für eine schöpferische Auseinandersetzung mit der Umwelt, mit Faulheit gleichgesetzt und stigmatisiert. In den letzten Jahren wurde dieses Dogma vom Kapitalismus auf die Spitze getrieben und gleichzeitig wurde die konsumkritische DIY-Bewegung für die eigenen Zwecke instrumentalisiert. Auch die Freizeit sollte nun nach marktökonomischen Gesichtspunkten gestaltet werden. Mit anderen Worten: Wer 40 Wochenstunden und mehr arbeitet, hat keine persönlichen Kapazitäten mehr um sich ernsthaft (schöpferisch oder geistig) mit seiner Umwelt auseinander zu setzen. Wer aber am Arbeitsmarkt weiterhin konkurrenzfähig sein will muss beweisen, dass er anderen überlegen ist und ständig aus sich selbst Ideen und Innovationen generieren kann. Auf diesen gesellschaftlichen Wandel hat die Industrie (im Gegensatz zur Politik) längst reagiert und Massen von "kreativen Hobby-Ideen" auf den Markt geworfen. Mit vorgestanzten Vignetten und Aufklebepailletten für eine kreative Freizeitgestaltung kann man sich den systemkonformen, leistungsorientierten Anstrich verpassen und weiterhin als vollwertiges Mitglied dieser Gesellschaft fühlen, auch wenn man von Haus mit Basteln nix am Hut hat oder einfach lieber nur faul in der Sonne liegen würde. Nur darauf bezieht sich meiner Meinung nach der zitierte kreative Imperativ. Wenn diese These Menschen in ihrer eigenen Schaffenskraft verunsichert, statt sie zum Hinterfragen ihres Konsumverhaltens zu inspirieren, ist sie kontraproduktiv.
Abschließend möchte ich noch das neue Buch von Joachim Bauer "Arbeit" wärmstens empfehlen. Ich glaube, dass eine Diskussion um das Unbehagen an Kreativität nicht geführt werden kann, ohne die zugrunde liegenden Systemgegebenheiten mit einzubeziehen.
Liebe Grüße
S***
Punkt.

Kommentare:

  1. Hallo,
    ich fürchte, Du verirrst Dich im Dschungel der Wissenschaften. Ich denke in erster Linie BWL-basiert - z.B. Kreativitätstechniken, um Kosten zu sparen, Strategie zu verbessern, Marktansatz neu zu gestalten u.v.m. Sonst kannst Du mit Kreativitätstechniken sämtliche Wissenschaften neu gestalten. Beim Bloggen verbinde ich Kreativität damit, neue Themen für neue Posts zu finden, die sich anderer Stelle noch nicht abgenutzt haben. D.h. fleißig andere Blogs lesen, mit offenen Augen durch den Alltag laufen, Ideen in Radio, Fernsehen und Zeitungen sammeln.

    Das ist sicherlich ein uferloses Thema.

    Gruß Dieter

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    1. Danke für Deine Darstellung.
      Du hast natürlich recht, und es IST ein uferloses Thema. Vor allem dann, wenn sich kein Konsens darüber bildet, über welche Definition von Kreativität man eigentlich diskutiert.

      Ich wollte auch eigentlich nichts darüber schreiben, aber... mich hat geärgert, daß manche/viele Kreativität mit niedlicher Heimdeko, modischem DIY, witzigen Accessoires, ausufernden Anleitungs-e-books usw. gleichsetzen. Deswegen würde ich gern die "Kreativität" der Strick-, Näh- und Muttiblogs immer und generell mit Anführungszeichen schreiben...
      (Und nicht weiter darauf eingehen, was kreativ sein für mich persönlich bedeutet. Wen es interessiert, findet genügend Anhaltspunkte in meinen Blogs, wer nicht, dem möchte ich es nicht noch extra erklären.)

      Mit offenen Augen durch den Alltag gehen - das hast Du schön gesagt! Genau so ist es. Nicht nur konsumieren, sondern erschaffen. Und wenn es ein Blog-Beitrag über Kreativität ist. ;-)

      Grüße, Sathiya

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